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Weshalb reden wir hier über Trauer?

Die Pink Kids Botschafterinnen werden bei ihrer Arbeit immer wieder auch mit dem Thema Tod und Trauer konfrontiert. Daher haben sie beschlossen, sich nicht nur persönlich damit auseinanderzusetzen, sondern es auch für die Homepage aufzubereiten. In einem Workshop gab es in einem ersten Schritt viele Hintergrundinformationen und Übungen zur persönlichen Auseinandersetzung mit Sterben, Verlust und Trauer.

In unserer Kultur wird immer noch zu wenig darüber gesprochen, was Trauer mit Menschen macht, wie man damit umgehen kann. Trauer ist leider so etwas wie 'das verdeckte Leid'. Es herrscht große Unsicherheit über den Umgang mit Trauernden, speziell wenn Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene betroffen sind. So fühlen sich Jugendliche und junge Erwachsene oft sehr allein.

Tod und Trauer – speziell bei jüngeren Menschen – machen Angst. Und hilflos: Was soll ich tun? Wie kann ich damit umgehen? Wie kann ich das aushalten?

Es fehlen häufig Vorbilder. Viele Fragen stellen sich. Wir haben die Fragen der Pink Kids Botschafterinnen gesammelt und ich werde sie hier für euch beantworten. Sehr gerne seid ihr eingeladen, uns eure persönlichen Fragen zu schicken. Wir werden sie dann in den Fragenkatalog aufnehmen. So hoffen wir euch Informationen zu geben, die wirklich auf eure Bedürfnisse zugeschnitten sind.

Vorab findet ihr zunächst einige grundsätzliche Informationen zu Trauer. Auch Wissen kann dabei unterstützen, mit der Trauer umgehen zu können.

Eure Sylvia Hoffmann-Krizanits

Grundsätzliche Überlegungen

Was ist Trauer eigentlich?

Auslöser für Trauer ist immer eine Verlusterfahrung:

  • der Verlust eines geliebten Menschen durch Tod
  • Trennung (Scheidung der Eltern, Trennung vom Freund/Freundin etc.
  • der Verlust körperlicher und geistiger Fähigkeiten (zum Beispiel durch Krankheit, Unfall, Alter)
  • der Verlust von Lebenskonzepten und Lebensgewohnheiten (Umzug, Arbeitsplatzverlust, Krankheit etc.)

Trauer selbst ist der Prozess des Abschiednehmens. Die Zeit, die es braucht, um den Verlust zu realisieren und sich im Leben neu zu orientieren. Wenn ihr euch mit dieser Definition näher auseinandersetzt, wird schnell klar, wie viele Menschen von Trauer betroffen sind. 

Nehmen wir die Krebserkrankung. Knapp 500.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich neu. Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen – ca. 70.000 erhalten jedes Jahr die Diagnose. 1 von 8 Frauen ist im Laufe ihres Lebens betroffen. Und das sind nicht immer die älteren Frauen, sondern auch Frauen, deren Kinder noch klein sind oder Jugendliche und junge Erwachsene. 

Und selbst wenn in vielen, vielen Fällen die Krankheit geheilt werden kann, kann die Diagnose Trauer auslösen: Trauer um den Verlust des „normalen Lebens“ – es soll alles so sein wie vorher. Ohne diese Angst, die Einschränkungen durch die Therapie. Das betrifft die Erkrankten und das ganze soziale Umfeld, also Familie und Freunde. Bei Erkrankten erleben wir Trauer um den Verlust der körperlichen Unversehrtheit – durch Operationen, Chemotherapie, Bestrahlung.

In Deutschland sterben jedes Jahr knapp 950.000 Menschen. Nimm einmal an, jeder hat nur 5 Angehörige, dann sind allein dies 4,6 Millionen Menschen, die im Jahr von Trauer durch einen Todesfall in der Familie betroffen sind.

Ist Trauer das gleiche wie traurig zu sein?

Trauer ist viel umfassender als traurig sein. Traurig sind wir zum Beispiel, wenn eine Freundin ein Treffen absagt, auf das wir uns sehr gefreut haben. Oder wenn ein Ausflug wegen Regen ins Wasser fällt. Oder wenn wir den Bus verpasst haben und so nicht rechtzeitig zu einem Konzert kommen, oder, oder. Diese Art des Traurigseins vergeht relativ schnell wieder, wir bedauern es vielleicht noch eine Weile, aber dann ist es wieder gut. Meist lassen sich die Anlässe in irgendeiner Form wiederholen. Bei Trauer ist der Verlust unwiederbringlich.

Symptome der Trauer

Wir erleben Trauer auf vier Ebenen:

  • emotional
  • kognitiv
  • körperlich
  • im äußeren Verhalten

Dabei kann die Intensität und Länge der Trauer sehr unterschiedlich sein. Auch das Erleben der einzelnen Symptome ist sehr individuell. Trauer ist Stress, so sind auch viele Erscheinungsformen der Trauer Stressreaktionen bzw. mit ihnen vergleichbar.

Wichtig ist:
Es gibt kein richtiges oder falsches Trauern. Jeder trauert auf seine Art und Weise.
Und: Die Symptome können, aber müssen nicht alle auftreten.

 

Symptome der Trauer - emotional

Das Gefühl der Trauer scheint angeboren. Überall auf der Welt sind der Gesichtsausdruck und die Körperhaltung von Trauernden vergleichbar.

Auf der Gefühlsebene kann man folgende Trauerreaktionen erleben/beobachten:

  • Schock, Taubheit (Vermeidung von Gefühlen). Das trifft häufig für die erste Zeit nach dem Verlust zu. So etwa als wollte sich die Seele erstmal vor diesem Unbegreiflichen schützen. Wie stark dieser Schock erlebt wird, hängt auch davon ab, ob wir uns wie z.B. bei langer Krankheit auf den Tod vorbereiten konnten, oder ob jemand plötzlich und unerwartet aus dem Leben gerissen wurde.
  • Generelle Unsicherheit. Die Situation ist ganz neu, vieles verändert sich durch den Verlust. Nehmen wir das Beispiel Diagnose: Keiner weiß erstmal so ganz genau, was das jetzt bedeutet. Was kommt auf uns zu? Was wird sich verändern? Das kann verunsichern. 
  • Einsamkeit. Sich einsam zu fühlen, wenn man jemanden verloren hat, erklärt sich sofort. Aber das Gefühl der Einsamkeit kann sich auch einstellen, wenn ihr merkt, dass ihr die Erfahrung der lebensbedrohlichen Erkrankung eines Angehörigen mit niemandem wirklich teilen könnt. Mit den Eltern vielleicht nicht, weil ihr sie nicht noch mehr belasten wollt und mit Freunden nicht, weil die das nicht wirklich nachvollziehen können und es ihnen vielleicht sogar Angst macht.
  • Gefühle von Leere, Sinnlosigkeit und Verzweiflung. 
  • Sehnsucht nach dem Toten. Er/sie fehlt so sehr und das schmerzt ganz furchtbar. 
  • Gefühl der Anwesenheit des Toten. Das macht Trauernden, die dieses Phänomen nicht kennen, häufig Angst. Es ist aber so, dass unser Gehirn sich auch umgewöhnen muss. Da war jemand 'immer da' und so ist seine Anwesenheit im sogenannten limbischen System gespeichert. Das dauert eine Weile, bis wir uns umgestellt haben.
  • Angst, Panikattacken, Angst nicht ohne die geliebte Person leben zu können, Angst von den eigenen Gefühlen überwältigt zu werden, Angst vor dem eigenen Tod, vor Krebs und andere hypochondrische Ängste können auftreten.
  • Erleichterung zu erleben (zum Beispiel wenn ein Mensch vor seinem Tod sehr gelitten hat)  ist in Ordnung! Hier braucht niemand ein schlechtes Gewissen zu haben.
  • Ärger (auf den Verstorbenen) kann aufkommen, zum Beispiel bei einem Unfall.
  • Schuldgefühle können entstehen. Habe ich alles richtig gemacht? Hätte ich häufiger da sein sollen?

 

Symptome der Trauer - kognitiv

  • Konzentrationsschwierigkeiten, Vergesslichkeit und Verwirrung erleben die meisten Menschen zumindest in den ersten Wochen und Monaten der Trauer. Das wirkt sich auch in der Schule/Uni/auf der Arbeit aus.
  • Apathie, also Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen, ist zu erleben. In der Trauer wirken manche (vorübergehend) wie abgekapselt von der Umwelt.
  • Ungläubigkeit – es dauert, bis der Verlust fassbar wird. 'Für immer nicht mehr da‘, das ist schwer zu realisieren. „Ich kann es nicht fassen“ oder „Das kann doch gar nicht sein“ sind die Gedanken, die immer wieder kommen.
  • Eine ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Verstorbenen und den Todesumständen scheint dazu zu dienen, die große Veränderung, die der Verlust mit sich bringt, begreifbar zu machen.

 

Symptome der Trauer - körperlich

  • Ruhelosigkeit/innere Unruhe.
  • Schlafstörungen – manche können kaum schlafen, schrecken immer wieder hoch oder wälzen sich im Bett. Andere haben das Gefühl, nur noch schlafen zu können, als würde der Schlaf vor der Trauer schützen.
  • Appetitstörungen – auch hier gibt es beide Richtungen: Manchen schnürt es regelrecht die Kehle zu, andere haben dauernd Hunger.
  • Herzklopfen/Engegefühl in der Brust.
  • Schwindel/Frösteln/Zittern.
  • Diarrhoe, Obstipation – der Darm reagiert auf den Stress mit Durchfall oder Verstopfung.
  • Tiefe Müdigkeit, auch wenn von den Stunden her genug geschlafen wurde.

Das alles ist sehr anstrengend. Trauern kostet Energie und Kraft. Es ist, als ob wir körperlich krank wären, als würde der Körper ausgebremst. Und das ist insofern gut, als dass wir diese Zeit brauchen, um den Verlust zu begreifen und zu verarbeiten. 

 

Symptome der Trauer - äußeres Verhalten

  • Weinen. Manchmal fließen die Tränen still, manchmal schüttelt es einen richtiggehend. Die Dauer ist ganz unterschiedlich. Manchmal ist es anstrengend und manchmal ist man danach erleichtert. 
  • Rückzug aus Beziehungen und Aktivitäten (sozialer Rückzug). Mit sich allein sein zu wollen, ist verständlich. Auch Interesse an sonst geliebten Aktivitäten kann der Trauernde manchmal nur schwer oder gar nicht aufbringen. Es ist normal, wenn es an manchen Tagen gar nicht geht und an anderen dann doch. Es sollte aber mit der Zeit wieder mehr werden.
  • Suchtmittel- und Medikamentenmissbrauch. So versuchen manche Trauernde sich zu betäuben, aus der schmerzhaften Realität zu entfliehen. Andere suchtähnliche Verhaltensweisen (ständig neue Kleider kaufen, häufige Partnerwechsel, o.a.) sollen wohl dazu dienen, die Leere zu füllen. Hier ist Vorsicht geboten! Wenn du das bei dir selbst beobachtest, hol dir Unterstützung! Wenn du es bei anderen beobachtest – sprich es an, sag, dass du dir Sorgen machst!
  • Erinnerungsobjekte und -plätze werden aktiv gesucht oder aber aktiv vermieden. Hier ist jeder unterschiedlich. Für manche ist zum Beispiel der Friedhof ein Platz des gedanklichen Austauschs mit dem Verstorbenen. Andere können es nicht ertragen, am Grab zu stehen. Hier sollte jeder seinen eigenen Platz der Erinnerung finden und nicht gezwungen werden. In Familien heißt das: reden! Darüber sprechen, was jedem gut tut und was eben nicht. Und sich immer wieder vor Augen führen, dass jeder seinen eigenen Weg der Trauer gehen muss.

Wie verläuft der Trauerprozess?

Im Versuch den Verlauf von Trauer zu erklären und einordnen zu können, ist der Wunsch nach Orientierung gut zu verstehen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts sind einige Trauermodelle entstanden, die Phasen beschreiben. Aber schon seit Ende des letzten Jahrtausends sind sich die Trauerforscher weltweit einig, dass es diese Phasen so voneinander getrennt nicht gibt und schon gar nicht aufeinander aufbauend. Man kann Trauer nicht ‚abarbeiten' oder wie von einer Stufe zur anderen auf einer Treppe hinter sich lassen.

1999 haben Stroebe & Schut das duale Prozessmodell der Trauer vorgestellt. Die Bewältigung von Trauer findet danach in einer Art Pendeln zwischen Verlustorientierung und Wiederherstellungsorientierung statt. Was heißt das? Die Trauernden wechseln zwischen dem mehr auf den Verlust ausgerichteten Erleben und den dazugehörigen Gefühlen (Trauer) und den Aktivitäten und Gefühlen, die der Neuausrichtung und Gestaltung des Lebens ohne den Verstorbenen dienen.

Dieses Pendeln kann sehr unterschiedliche Zeiträume füllen. Es kann Minuten, Stunden oder Tage dauern. Direkt nach dem Tod kann es sein, dass die Verlustorientierung sehr viel Raum braucht. Mit der Zeit nehmen die Anteile, in der die positiven Gefühle vorherrschen, zu und man lernt, sich dem auch bewusst zuzuwenden = Wiederherstellung. Die Trauer mit all ihren anstrengenden Symptomen überfällt einen nicht mehr mit voller Wucht und wir können immer häufiger auch steuern, wann wir uns mit unserem Kummer beschäftigen wollen und wann nicht.

Sich von der Trauer gezielt abzulenken, zum Beispiel neue Dinge zu unternehmen, trägt genau so zur Bewältigung der Trauer bei, wie sich bewusst mit Erinnerungen zu beschäftigen, auch wenn das schmerzhaft ist.

Das Ziel von Trauer

Wozu dient Trauer?

In der Vergangenheit wurde zum Thema Trauer allgemein viel davon geredet ‚loszulassen'. Die Beziehung zum Verstorbenen muss durch die Trauer aufgelöst werden, damit wieder neue Bindungen eingegangen werden können. Das war lange Zeit die Haltung, die auch heute noch oft anzutreffen ist. Doch das ist falsch!

Richtig ist, dass der Verlust in die Lebenswelt des Trauernden integriert werden soll. Dem Verstorbenen wird ein Platz und eine bleibende Bedeutung im Leben der Hinterbliebenen gegeben. Dieser neuere Ansatz nennt sich 'Continuing Bonds' – also weiterbestehende Bindungen. Und das entspricht uns ja auch viel eher. Wir wollen doch weiter an den Verstorbenen denken. Und es wird auch nach Jahren noch Situationen geben, in denen wir denken: „Ach, das hätte ihm/ihr gut gefallen!“ oder so ähnlich. Und das wird uns vielleicht sogar ein Lächeln entlocken.

Hilfreich in diesem Prozess der Trauer sind konstruktive Rituale.

Besondere Daten wie Geburtstag, Todestag etc. bieten sich an, sie auch besonders zu gestalten. Da kann jeder nur für sich schauen, was passt und was als gut und richtig empfunden wird. Am Anfang mag euch das noch sehr schwierig vorkommen, aber probiert es! Auch wenn Tränen fließen mögen, es hat etwas ungeheuer Tröstendes. Beispiele für solche Rituale findet ihr bei den Fragen/Antworten unter „Trösten, aber wie?“