Erfahrungsberichte

Hier findest du verschiedene Texte, Berichte und Geschichten wie wir Pink Kids und andere Angehörige die Zeit während und nach der Erkrankung erlebt haben. Welche Gefühle, Gedanken und Ängst einen fast automatisch begleiten. Durch diese ganz persönlichen Geschichten wollen wir dir Mut machen. Sei mutig und stark, Du bist nicht alleine!

2008

Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere. Dachte ich zumindest. Wie jeden Morgen fuhr ich mit dem Bus zur Schule und verbrachte dort den Tag. Vieles ist heute verschwommen, aber ich weiß noch, dass ich mich wunderte, wieso mein Vater mit meiner Schwester und mir an den Badesee wollte. Abends, ohne Mama und das bei Regen, merkwürdig... Wie sich herausstellte, war es doch kein Tag wie jeder andere. Papa erzählte uns, dass unsere Mama einen Tumor in der Brust hat. Bei Tumor klingelten sofort die Alarmglocken, hatten wir doch ein paar Jahre zuvor unsere Oma an einen Gehirntumor verloren. Papa erklärte uns, dass wir uns erstmal keine zu großen Sorgen machen sollten, es gäbe eine gute Chance auf Heilung. Auf dem Plan für die nächsten Wochen und Monate stand erst eine OP, dann Chemo und hinterher Bestrahlung. Erstmal nicht zu große Sorgen? Wie denn bitte das? Unsere Mutter hat Krebs, nicht irgendeinen Infekt. Wir fuhren nach Hause und ich hatte keine Ahnung, wie ich in diesem Moment mit Mama umgehen sollte, so groß die Angst war, wir sollten sie doch besser unterstützen, sie hat ja selbst bestimmt genug Angst vor der kommenden Zeit. Wie genau der Abend weiter verlaufen ist kann ich heute nichtmehr genau sagen, 10 Jahre später verblassen manche Erinnerungen einfach. Was ich aber weiß, ich brauchte Zeit für mich und eine außenstehende Person. Ich verzog mich in mein Zimmer, nur wirre Gedanken im Kopf und rief meine beste Freundin an. Erzählte ihr alles. Ich wollte keinen Ratschlag, keinen Mitleid, ich wollte es einfach erzählen, es mir von der Seele reden. Ich wollte, dass sie am nächsten Morgen im Schulbus schon Bescheid weiß, wieso meine Laune nicht gut ist und ich es nicht dann erst erklären muss. Und es tat gut, klar es änderte nichts an der Situation, aber es war gut darüber zu reden, es war gut es genau ihr erzählen zu können. 

Ein paar Tage später, Mama kommt ins Krankenhaus, unser Alltag geht für Unwissende normal weiter, wir müssen in die Schule. Nach der Schule ist der Besuch im Krankenhaus geplant und wie soll es anders sein? In der Schule aufpassen? Daran ist nicht zu denken, die Gedanken sind nur bei Mama. Geht alles gut, können sie alles entfernen, was sagen die Ärzte nach der OP? Was für ein Stein fiel mir vom Herzen, als Papa nach der Schule erzählte, es geht ihr gut und wir fahren jetzt zu ihr. 

Noch einige Tage später, durfte Mama aus dem Krankenhaus nach Hause und musste fortan nur für die Chemo ins Krankenhaus. Davon bekam ich nicht so viel mit, für uns ging der Alltag weiter seinen Gang. Schule, Gitarrenunterricht, Basketball, alles ging weiter, auch wenn die Gedanken meistens nicht ganz bei der Sache waren. Die Chemo machte Mama etwas schlapp und brachte auch bei Mama nach und nach einen kahlen Kopf mit sich. Im Wissen, dass auch die ausfallenden Haare ein Zeichen ihres Kampfes gegen den Krebs waren, kam ich erstaunlicherweise viel besser damit klar, als ich es selbst erwartet hatte. 

Sehr im Gedächtnis ist mir der Wandel zu Hause geblieben. Sonst war Papa viel arbeiten, wir waren viel zu Hause mit Mama. Sie machte den Haushalt mehr oder minder alleine. Klar wir räumten mal die Spülmaschine ein oder aus, deckten den Tisch, oder holten Wäsche aus der Waschmaschine, aber das war es dann auch. Jetzt mussten wir feststellen, wie viele Aufgaben Mama eigentlich täglich bewältigte. Diese fielen nun auf uns drei zurück. Zum Glück konnte Papa viel zu Hause bleiben und meine Tante war eine große Hilfe in dieser schweren Zeit. Irgendwann spielte sich alles ziemlich gut ein, sodass es irgendwie alles zur Normalität zurückkehrte. Eine neue Art der Normalität, in der ich abends mit Mama ins Krankenhaus fuhr und dort im Wartebereich vor dem Bestrahlungsraum für die Schule lernte. Die Prioritäten änderten sich, das Basketballtraining war dann nichtmehr so wichtig. Mir war es wichtiger, dass Mama nicht alleine zur Bestrahlung fahren muss. Das alles war für sie schon schwer genug, ich wollte ihr eine Stütze sein und einfach für sie da sein.

10 Jahre später, im Jahr 2018

Meine Mama gilt seit vielen Jahren als krebsfrei. Viele Erinnerungen an damals sind nichtmehr ganz präsent. Manchmal vergisst man fast, dass da mal was war. 

Heute bin ich 25 Jahre alt, selbst frischgebackene Mutter und genau da wird es einem doch wieder bewusst. Wir hatten riesiges Glück, dass meine Mutter den Brustkrebs besiegt hat. Dass meine Schwester und ich sie heute noch um uns haben, meine Tochter noch ihre Oma hat. Das alles ist nicht selbstverständlich. Viele Andere haben dieses Glück nicht. 

Inwiefern die Krankheit meiner Mama mein Leben beeinflusst hat? Ich HASSE Krankenhäuser, am liebsten würde ich direkt an der Tür wieder umkehren, leider geht das manchmal nicht. 

Wenn meine Mutter heute darüber redet, dass sie zur Kontrolle beim Arzt war, blitzt für eine kurzen Moment immer wieder die Angst auf, es könnte irgendetwas nicht stimmen. Aber sonst? Eigentlich ist alles mittlerweile wieder normal. Ich wohne nichtmehr zu Hause, bin in eine andere Stadt gezogen, habe meine eigene kleine Familie und bin froh, wenn wir am Wochenende "Oma und Opa" besuchen fahren.

„Also ich könnte das ja nicht.“

Ein Satz, den ich in der schlimmen Zeit mehr als 1x gehört habe und den ich ehrlich gesagt auch nicht mehr hören möchte.

Kein Kind ist der Situation gewachsen, wenn die eigene geliebte Mama die Diagnose Brustkrebs erhält und da spielt es auch keine Rolle wie alt Du als Kind bist. Deine Mama wird immer deine Mama sein.

Und wenn du zu hören bekommst, dass ein Mensch den du von Herzen liebst und dein gesamtes Leben lang schon kennst, an Krebs erkrankt, zieht es dir unweigerlich von einer Sekunde auf die nächste den Boden unter den Füßen weg.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als die Diagnose plötzlich im Raum stand und unser aller Leben veränderte. Es war ein schöner Sommertag und eigentlich war ich auf dem Weg zu meiner besten Freundin, um mit ihr ihre neue Wohnung zu streichen, als meine Mama und eine Freundin der Familie auf der Terrasse saßen. Ich wollte mich nur schnell verabschieden, da merkte ich, dass irgendwas nicht stimmte. Es war nicht meine Mama, die mir von der Veränderung erzählte, sondern unsere Nachbarin. Sie selbst hat es nicht übers Herz gebracht ihrer eigenen Tochter die Diagnose zu gestehen.

Schlagartig ist mir schlecht geworden und alle möglichen Gedanken, die ich bis dato mit der Krankheit in Verbindung gebracht hatte, schwirrten mir durch den Kopf. Denn ehrlich gesagt, ging es mir bis dahin wie sicher einem großen Teil von euch auch. Ich hatte mich nie wirklich mit der Krankheit beschäftigt, da sie bis dahin kein wirkliches Thema in unserer Familie war.

Dieses Gefühl der Hilflosigkeit, das ich in diesem Moment empfunden habe, hat mich völlig überrumpelt, sodass ich ohne etwas zu sagen, wie geplant zu meiner Freundin gefahren bin um dort erst einmal eine Runde zu heulen, anstatt wie geplant die Wohnung zu streichen.

Ich konnte in dem Moment nicht bei meiner Mama und in der angespannten Situation bleiben, weil ich nicht wusste, wie ich mich hätte verhalten sollen. Deshalb schien die Flucht für mich vorerst der beste Weg zu sein, um für mich durchzuatmen und das Geschehene ansatzweise zu realisieren.

Wir haben alle unsere Zeit gebraucht, um uns mit der neuen Situation anzufreunden (wenn man das überhaupt so nennen kann). Aber ich muss sagen, dass es ausgerechnet meine Mama war, die es geschafft hat, meinem Bruder und mir die Angst vor der bevorstehenden Zeit zu nehmen.

Wenn ich im Nachhinein an Momente oder Erlebnisse in dieser Zeit zurückdenke, sind es vor allem die Momente, in denen sie durch ihren Humor der Krankheit ihre dunkle Macht und das Düstere genommen hat. Ich weiß noch, als ich ihr die Haare abrasiert habe, schaute sie in den Spiegel, fing an zu lachen und meinte nur, wie schön es sei, dass sie keine hässliche Kopfform oder Beulen hätte. Sie hat ihr neues Leben so angenommen und die Chemo’s und zahlreichen Untersuchungen mit einer Stärke und Kraft durchgestanden, die mich nach wie vor unfassbar beeindruckt und sprachlos macht. Diese Stärke hat sie sich auch bis zum Ende nicht nehmen lassen und ich hätte mir für diesen starken Willen nichts sehnlicher gewünscht, als dass sie es geschafft hätte, den Krebs zu besiegen aber das Leben hatte leider andere Pläne für sie und somit auch für mich und meinen Bruder!

Wenn mich jetzt jemand fragt, wie ich das alles geschafft habe, kann ich ihm ehrlich gesagt keine Antwort darauf geben, denn ich weiß es einfach nicht. Von jetzt auf gleich rutscht du unfreiwillig in diese neue Lebenssituation und dein Leben wartet nicht bis du dich und alles um dich herum sortiert hast. Ich habe das alles wie in einer Art Rausch erlebt. An einige Dinge, die um mich herum passiert sind, kann ich mich gar nicht mehr wirklich erinnern, weil ich so viele Dinge zu organisieren hatte. Dafür sind andere Details wie festgebrannt in meiner Erinnerung.

Ich glaube man wird sich nie daran gewöhnen, ohne einen geliebten Menschen weiter zu leben, denn bei jedem Geburtstag, an jedem Weihnachtsfest, bei jedem noch so tollen Tag, den du erlebst, wünschst du dir, diese wunderschönen Momente mit demjenigen teilen zu können, auch wenn das niemals mehr so sein wird.

Ich für meinen Teil kann hier und jetzt nur für mich sprechen und behaupten, dass ich es jetzt, nach ca. 2 Jahren langsam schaffe etwas Gutes aus dem ganzen Geschehenen zu ziehen. Ich bin fast ein bisschen dankbar für diese Zeit, denn sie hat mich in vielem umdenken lassen und mich schneller erwachsen werden lassen, als manch anderen. Ich setze inzwischen meine Prioritäten im Leben etwas anders und weiß auf welche Menschen ich zählen kann, wenn es ernst wird, und das zu erkennen um seine wenige Zeit, die man hat nicht zu verschwenden, ist verdammt wichtig!

Das alles ändert jedoch nichts daran, dass ich meine Mama nach wie vor jeden Tag vermisse und das alles sofort und bedingungslos hergeben würde, um sie wieder bei mir zu haben.

Hallo,

meine Mama erkrankte im Februar 2010 an Brustkrebs. Da die Lymphknoten betroffen waren, wurde die betroffene Brust amputiert. Es folgten Chemotherapie und Antihormonbehandlung. Glücklicherweise ist sie bis heute krebsfrei. Allerdings kämpft meine Mama täglich mit den Folgen der Chemo, wie ständiger Müdigkeit, geringerer Belastbarkeit (sie ist seit ca 5 Jahren jetzt zu Hause, da sie in ihrem Beruf nicht mehr arbeiten kann), sowie einer Erkrankung der Handwurzelknochen, die auch viele Einschränkungen mit sich bringt … so viel über meine Mama.

Zum Zeitpunkt der Brustkrebserkrankung war ich 12 Jahre alt und wurde in der Schule von meinen Mitschülern stark gemobbt. So war diese Zeit für mich besonders schrecklich, da ich in der Schule versuchte, die Probleme von zu Hause zu vergessen und umgekehrt. Lediglich einmal in der Woche beim Schwimmtraining konnte ich wirklich entspannen. Von den Schwierigkeiten in der Schule wusste sehr lange niemand etwas, da ich meine Familie nicht zusätzlich belasten wollte.

Ich habe in dieser Zeit versucht, meiner Mama möglichst viel zu helfen - im Haushalt oder aber auch indem wir gemeinsam Fahrrad fahren waren. Das war besonders schön, weil wir da beide gesehen haben, dass es ihr gut geht.

(Wahrscheinlich) durch die Erkrankung habe ich eine besonders enge Verbindung zu meiner Mama aufgebaut, so intensiv, dass ich z.B. nicht wollte, dass sie bei einem Familienausflug zu Hause bleibt, weil es ihr nicht gut geht. Ich hatte einfach nur Angst sie zu verlieren. Einige Jahre danach habe ich mich in einer Psychotherapie noch einmal mit diesem Jahr beschäftigt. Es hilft mir bis heute.

Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass wir alle (meint meine liebe Familie) entspannter geworden sind, und bewusster leben, leckeres Essen oder den Frühling besonders genießen.

Zudem meine ich, eine andere Einstellung zum Thema „Work-Life-Balance“ zu haben, als viele Mitmenschen.